Mehr als die Summe · Die MittwochskolumneAlle Bewerbungen lesen sich plötzlich gleich gut
Das Anschreiben ist als Auswahlkriterium erledigt. Was an amerikanischen Hochschulen gerade schiefgeht, zeigt, welche Antwort darauf nicht funktioniert. Und welche Frage stattdessen trägt, in der Auswahl wie in der Entwicklung der eigenen Leute.

von Udo Flachs Nóbrega
Das Anschreiben hat aufgehört, ein Auswahlkriterium zu sein. Nicht irgendwann, sondern in diesem Bewerbungszyklus. Stellen Sie sich neun Zuschriften auf eine Stelle vor: alle neun gut geschrieben, kein schiefer Satz, jede Motivation sauber auf die Ausschreibung gedreht. Vor drei Jahren hätte diese Mappe eine Vorauswahl getragen. Heute trägt sie nichts.
Wer weiter danach sortiert, sortiert nach der Qualität eines Werkzeugs, das allen offensteht. Das ist keine Nachlässigkeit, es hat nur niemand angekündigt.
Die Zahl der Woche: 43,2 Prozent der Bewerbenden nutzen KI beim Verfassen ihres Anschreibens, im Frühjahr 2023 waren es 12,7 Prozent. Die Erhebung stammt von softgarden und befragte knapp 7.000 Bewerbende, also von einem Anbieter von Recruiting-Software mit Interesse an genau diesem Befund. Das macht die Zahl nicht falsch, es gehört nur dazugesagt. Und sie sagt nichts darüber, wer von diesen Menschen den Job kann.
Was die Hochschulen ein Jahr früher erlebt haben
Universitäten stecken tiefer in derselben Lage. Im vergangenen Sommer machte die Geschichte eines Historikers die Runde, die gerade wieder herumgereicht wird: Jason Gibson von der Alcorn State University in Mississippi versteckte in einer Prüfungsaufgabe weiße Schrift auf weißem Grund. Der versteckte Auftrag lautete, irgendwo im Text sinnlos das Wort Madagaskar unterzubringen. Wer die Aufgabe ungelesen in eine KI kopierte und die Antwort ungelesen zurückkopierte, lieferte es mit. 32 von 35 Arbeiten enthielten Madagaskar.
Bemerkenswert ist, was Gibson danach sagte: Er habe daran keine Freude, und wiederholen wolle er es nicht. So klingt jemand, der recht bekommen und trotzdem nichts gewonnen hat. Denn die Falle beantwortete eine Frage, die in keinem Betrieb mehr gestellt wird. Kein Auftraggeber fragt, ob ein Angebot mit Excel gerechnet wurde.
Nicht ob eine Maschine beteiligt war, entscheidet über den Wert eines Ergebnisses. Sondern ob der Mensch dahinter es verteidigen kann.
Mein erster Gedanke dazu war ein anderer, und ich habe ihn verworfen. Er lautete: Der Professor solle die beste KI-gestützte Arbeit mit der besten Note belohnen. Das klingt zeitgemäß und geht daneben, weil es die Werkzeugbedienung prämiert und offenlässt, ob jemand merken würde, dass sein Ergebnis falsch ist.
Der naheliegende Einwand: Erst muss man etwas ohne Maschine können. Er ist stark und hat Belege. Das Verwaltungsgericht Kassel hat am 25. Februar 2026 bestätigt, dass zwei Studierende wegen ungekennzeichneter KI-Nutzung durchfallen und von der Wiederholung ausgeschlossen werden durften; die Berufung ist zugelassen, rechtskräftig ist das Urteil nicht. Und eine viel diskutierte Arbeit des MIT Media Lab fand bei der Gruppe, die mit Sprachmodellen schrieb, eine schwächere Erinnerung an den eigenen Text; sie ist ein Preprint mit 54 Teilnehmenden, also ein Hinweis und kein Beweis.
Beides trifft zu, und beides widerspricht der These nicht. Wer nichts kann, kann auch nichts prüfen. Genau deshalb trägt Verteidigen weiter als Erlauben oder Verbieten: Es bestraft das Nichtkönnen von selbst, und niemand muss dafür eine Falle bauen.
Was heißt das für Ihre nächsten 90 Tage?
Ich habe von 2019 bis 2023 einen Lebensmittelhersteller geführt und in der Zeit selbst eingestellt. Drei Dinge würde ich heute anders machen.
1. Eine Frage tauschen: Nehmen Sie zwanzig Minuten aus dem Anschreiben und geben Sie sie dem Gespräch. Legen Sie die eingereichte Arbeit auf den Tisch und fragen Sie: Warum diese Annahme? Was haben Sie verworfen? Greifen Sie eine Zahl heraus und fragen Sie nach der Quelle.
2. Ein Blatt für alle: Dieselben Fragen für jeden Kandidaten, schriftlich festgehalten. Ohne das wird aus Auswahl Willkür und im Zweifel Benachteiligung. Und halten Sie fest, dass Erklären nicht Reden heißt. Am Whiteboard, im Code oder auf zwei Seiten Papier zählt genauso, sonst verlieren Sie systematisch die Stillen und die Nicht-Muttersprachler.
3. Ein Fall pro Quartal: Jedes Team nimmt einen echten, anonymisierten Vorgang, löst ihn mit KI und stellt ihn im Kollegenkreis vor. Bewertet wird nicht das Ergebnis, sondern die Begründung. Wer ein KI-Ergebnis begründet zurückweist, hat den Nachmittag gewonnen und nicht verloren.
Das gilt für Wissensarbeit und nicht für jede Stelle im Haus. Und wo ein Betriebsrat sitzt, gehört das früh auf dessen Tisch, weil aus Bewertungsmaßstäben schnell Mitbestimmung wird.
Das Blatt
Das Ganze passt auf eine Seite. Zum Kopieren, Weitergeben und Widersprechen:
Der Erklär-Test. Die Frage ist nicht, ob KI im Spiel war. Sondern ob der Mensch das Ergebnis verteidigen kann.
Die vier Fähigkeiten. Einschätzen: weiß, wo das Werkzeug stark ist und wo es erfindet.
Beauftragen: stellt die Aufgabe so, dass Brauchbares herauskommt.
Prüfen: erkennt die falsche Zahl, bevor sie in die Vorlage wandert.
Neu denken: schneidet den Prozess neu, statt ihn abzubilden.Im Auswahlgespräch. Erlauben: KI ausdrücklich zulassen, Nutzung offenlegen lassen.
Nachfragen: zwanzig Minuten am Ergebnis statt zwanzig Minuten Anschreiben.
Stichprobe: eine Zahl herausgreifen und nach der Quelle fragen.
Bewerten: gleiche Fragen für alle, bewertet wird der Weg.Bei den eigenen Leuten. Regeln: erlaubt ist, was offengelegt und verantwortet wird.
Üben: ein echter Fall je Team und Quartal, anonymisiert.
Belohnen: wer ein KI-Ergebnis begründet zurückweist, liegt richtig.
Fördern: wer nicht erklären kann, bekommt Übung statt Vermerk.Kleingedrucktes. Erklären heißt nicht reden. Gleiche Fragen für alle, sonst wird aus Auswahl Benachteiligung.
Wenn Sie das Blatt Ihrer Personalverantwortlichen weitergeben, geben Sie eine Frage mit: Welche Zeile fehlt?
Zweiunddreißig Studierende haben ein Ergebnis abgegeben, das sie selbst nicht gelesen hatten. Das ist keine Geschichte über Studierende. Wie viele Ergebnisse werden diese Woche in Ihrem Haus weitergereicht, die niemand gelesen hat?
Diese Kolumne erscheint jeden Mittwoch. Ich arbeite seit 2002 in der IT, habe Konzernteams geführt und war selbst Geschäftsführer eines Mittelständlers. Heute baue ich mit Vaaren KI-Systeme, die ich selbst betreibe. Wenn Sie wissen wollen, wie weit Ihr Haus bei genau diesen Fähigkeiten wirklich ist: Der kostenlose Reife-Check beantwortet das in etwa 7 Minuten.
Allgemeine Einordnung, keine Rechtsberatung (Stand: 19.08.2026). Quellen: softgarden, KI trifft Recruiting 2026 (knapp 7.000 Bewerbende, Erhebung eines Recruiting-Anbieters, am 17.08.2026 geprüft) · Jason Gibson, Alcorn State University (eigene Videos ab 20.07.2025, konsistent in über einem Dutzend Medien) · VG Kassel, Urteil vom 25.02.2026 (Az. 7 K 2134/24.KS und 7 K 2515/25.KS, Berufung zugelassen) · Kosmyna et al., „Your Brain on ChatGPT", MIT Media Lab, arXiv 2506.08872 (Preprint, N=54) · frühere Ausgaben: Die Firma neben der Firma und Fünf Menschen sind mehr als die Zahl Fünf.
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