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Das schwächste Glied29. Juli 20264 Min. Lesezeit

Die Zeit der stillen KI endet am 2. August

Diesen Sonntag werden die Transparenzpflichten der KI-Verordnung wirksam. Kein Grund zur Panik, aber der richtige Anlass für fünf Fragen, die Sie Ihrem Betrieb ohnehin stellen sollten.

Udo Flachs Nóbrega

von Udo Flachs Nóbrega

Der 2. August ist ein Sonntag. Trotzdem ändert dieses Wochenende etwas daran, wie Software mit Ihren Kunden spricht: Ab Sonntag gelten die Transparenzpflichten der europäischen KI-Verordnung, Artikel 50. Maschinen, die mit Menschen reden oder Inhalte in die Welt schicken, sollen als Maschinen erkennbar sein.

Im Feed lese ich dazu seit Tagen zwei Sorten Beiträge. Die einen rufen die Abmahnwelle aus. Die anderen winken ab, erst recht seit vergangener Woche. Da hat Brüssel nämlich wirklich verschoben: Die gefürchteten Hochrisiko-Pflichten kommen je nach Kategorie erst Ende 2027 beziehungsweise Mitte 2028; die Änderungsverordnung ist seit Montag in Kraft. Prompt lautet die bequeme Lesart: alles vertagt, betrifft uns nicht. Wer beiden Lagern glaubt, tut am Ende dasselbe: nichts. Dabei steht etwas auf dem Spiel, das im Mittelstand langsamer nachwächst als jedes Budget: das Vertrauen Ihrer Kunden in das, was Ihr Haus ihnen schreibt.

Meine These: Am 2. August beginnt nicht die große KI-Kontrolle. Aber die Zeit der stillen KI endet.

Was verlangt die KI-Verordnung ab dem 2. August?

Weniger, als die Aufregung vermuten lässt. KI-Systeme, die direkt mit Menschen interagieren, müssen sich als KI zu erkennen geben, sofern das nicht ohnehin offensichtlich ist; das ist zunächst Pflicht der Anbieter. Anbieter generativer Systeme müssen deren Inhalte maschinenlesbar kennzeichnen. Und wer als Unternehmen Deepfakes veröffentlicht oder KI-Texte zu Themen von öffentlichem Interesse publiziert, muss das offenlegen; Ausnahmen gibt es unter anderem dort, wo ein Mensch redaktionelle Verantwortung übernimmt. Verschoben ist davon nichts. Wenn Ihnen diese Woche jemand ein Hochrisiko-Notfallpaket anbietet, fragen Sie ihn freundlich, welchen Artikel er meint. Die Antwort ist meistens aufschlussreicher als das Angebot.

Wie normal stille KI geworden ist, erleben Sie beim Scrollen: Rund 54 Prozent der langen LinkedIn-Beiträge sind einer Auswertung von Originality.ai zufolge mutmaßlich KI-generiert. Zur Einordnung: Das misst ein Anbieter von KI-Detektoren an kleinen Stichproben, also eine Näherung, keine Vermessung der Welt. Aber die Richtung deckt sich mit dem, was Sie beim Lesen längst spüren. Und was für Ihren Feed gilt, gilt in vielen Betrieben auch für Angebote, Support-Antworten und Produkttexte: Dort schreibt längst eine Maschine mit, nur steht es nirgends.

Vielleicht denken Sie gerade: Diese Pflichten treffen doch vor allem die Software-Anbieter, nicht uns Anwender. Formal stimmt das oft. Nur landet die Vertrauensfrage am Ende nicht beim Anbieter, sondern bei Ihnen. Ihr Kunde fragt nicht nach Artikel 50 Absatz 2. Er fragt sich, ob die freundliche Antwort von gestern Abend ein Mensch war, und ob Sie es ihm gesagt hätten.

Ihre nächsten 90 Tage: drei Schritte, ein Blatt

1. Die Ein-Blatt-Inventur: Nehmen Sie sich eine Stunde und beantworten Sie die fünf Fragen unten. Mehr braucht der Anfang nicht.

2. Eine Mail an Ihre Anbieter: Fragen Sie jeden Software-Anbieter mit KI-Funktionen, wie die Kennzeichnung ab dem 2. August technisch gelöst ist. Die Antworten gehören in Ihre Unterlagen.

3. Ein Name: Bestimmen Sie eine Person im Haus, die solche Fragen künftig beantwortet. Warum der Engpass bei KI selten die Technik ist, sondern Menschen und Organisation, stand vergangene Woche an dieser Stelle.

Alle drei Punkte können Sie unverändert an Ihre IT-Leitung weiterreichen.

Die Ein-Blatt-Inventur, fünf Fragen:

  1. Wo antwortet heute ein System in unserem Namen auf Kundenanfragen, per Mail, Chat oder Telefon?
  2. Welche Texte, Bilder oder Angebote entstehen bei uns mit KI und verlassen das Haus?
  3. Wissen die Empfänger das?
  4. Welche unserer Software-Anbieter haben KI-Funktionen eingeschaltet, ohne dass wir das je entschieden haben?
  5. Wer bei uns kann die ersten vier Fragen in einem Jahr noch beantworten?

Wie das im Alltag aussieht? Ein Beispiel: Eine Kundenanfrage kommt abends um zehn, ein System antwortet sofort, und im ersten Satz steht: „Diese erste Antwort wurde automatisch erstellt, eine Kollegin prüft sie morgen früh." Das liest niemand als Schwäche. Das liest man als Haus, das seine Werkzeuge im Griff hat. Transparenz kostet einen Satz. Stille KI kostet Vertrauen.

An wie vielen Stellen spricht in Ihrem Betrieb heute eine Maschine mit Kunden? Zählen Sie am Sonntag ruhig einmal nach. Die Zahl selbst ist unwichtig. Dass Sie sie kennen, ist der Anfang.

Allgemeine Einordnung auf Basis öffentlicher Quellen (Stand: 29. Juli 2026), keine Rechtsberatung. Zur Transparenz: Ich nutze KI als Werkzeug beim Schreiben. Die Erlebnisse, die Position und jede Zahl stammen von mir.

Diese Kolumne erscheint jeden Mittwoch. Ich arbeite seit 2002 in der IT, habe Konzernteams geführt und war selbst Geschäftsführer eines Mittelständlers. Heute baue ich mit Vaaren KI-Systeme, die ich selbst betreibe. Wo Ihr Betrieb bei KI und Prozessen wirklich steht, zeigt der kostenlose Reife-Check in etwa 7 Minuten.

Quellen: Artikel 50 der KI-Verordnung, EU AI Act Service Desk · Änderungsverordnung (EU) 2026/1744, Amtsblatt vom 24. Juli 2026 · Originality.ai-Auswertung zu KI-Anteilen auf LinkedIn, am Erscheinungstag gegen die Primärquellen geprüft.

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